Wie behindert bist du eigentlich?!

Fahrrad fahren mit Hemiparese

Viele Eltern von Kindern mit Hemiparese fragen mich: „Wie hast Du eigentlich Fahrrad fahren gelernt? Kannst Du Dich noch daran erinnern?“ 

Ja, das kann ich, ziemlich gut sogar:

Es war ein sonniger Tag, ich war gerade 8 Jahre alt und saß auf meinem Kinderfahrrad.

Der rechte Fuß (der von der Hemiparese betroffen ist) war schon auf dem Pedal. Der linke stand noch fest auf dem Boden. Ich hatte vielleicht Schiss!

Aber meine Freundin sagte: „Los Janina, Du schaffst das!“

Also traute ich mich schließlich, mich mit dem linken Fuß am Boden anzuschieben, ihn schnell aufs Pedal zu stellen und loszufahren.

Das war der Tag, an dem ich zum ersten Mal Fahrrad fuhr!

Fahrrad fahren lernen mit Hemiparese – Das war ganz schön herausfordernd!

Meine Eltern fingen relativ früh an, es mir beizubringen. Mit knapp 5 Jahren bekam ich mein erstes Kinderfahrrad geschenkt. Es war rosa und hatte Stützräder. Die Bremse war links am Lenker angebracht, so dass ich mit meiner linken Hand (der Hand, die gut funktionierte) bremsen konnte. Zusätzlich hatte ich eine kleine Schiene mit Klettverschluss am rechten Pedal, die meinen Fuß auf dem Pedal halten sollte. Der rutschte nämlich ohne die Schiene immer ab.

Mit diesen Hilfen lernte ich das Radfahren ziemlich schnell. Ich konnte vorher schon Kettcar fahren und mit Stützrädern funktioniert ein Fahrrad fast genauso; man sitzt nur höher. Das Festhalten am Lenker mit der rechten Hand war anfangs herausfordernd; vor allem über längere Zeit. Aber nachdem ich es mehrmals geübt hatte, ging es immer besser.

Nach ein paar Wochen konnte sogar die Schiene am rechten Pedal ab. Mein Fuß blieb auch ohne auf dem Pedal, wenn ich nicht zu lange fuhr.

Schwer wurde es erst, als die Stützräder ab sollten!

Denn ich hatte

  1. große Angst vom Rad zu fallen (das tat schon weh, wenn ich nur beim Laufen hinfiel und ein Fahrrad ist viel schneller!),
  2. war mein Gleichgewicht auch noch nicht so gut wie bei vielen anderen Kindern. Und auf das Gleichgewicht kommt es ja beim Fahrrad fahren an!

Ich war gerade 6 Jahre alt und übte immer wieder mit meinem Vater vor unserem Haus. Wir hatten das große Glück, in einer verkehrsberuhigten Straße zu wohnen. Da fuhren kaum Autos und wir hatten viel Platz zum Spielen oder, wie in meinem Fall, um Fahrrad fahren zu lernen.

Viele Versuche scheiterten!

Mein Vater versuchte mir es beizubringen, indem er mein Rad hinten festhielt und hinterherlief, während ich in die Pedale trat. Wir fuhren viele und langsame Schlangenlinien, weil es mir schwer fiel, zu lenken, zu treten und gleichzeitig das Gleichgewicht zu halten.

Im Nachhinein stelle ich mir immer wieder vor: Das muss ganz schön lustig ausgesehen haben! Als Kind war es einfach nur frustrierend!

Irgendwann klappte es dann besser und ich fuhr einigermaßen gerade, wenn mein Vater mich festhielt.

Aber ich war zu dem Zeitpunkt schon so genervt vom vielen Üben und den wenigen Fortschritten. Oft hatte ich auch keine Lust mehr auf mein Fahrrad!

Und jedes Mal, wenn mein Vater mich loslassen und alleine fahren lassen wollte, passierte das:

Ich fuhr entweder 2, 3 Meter und kippte dann zur Seite (es tat aber nie ernsthaft weh, weil ich langsam war und einen Helm sowie Knie- und Armschoner trug) – trotzdem frustrierend!

Oder ich nahm reflexartig den linken Fuß vom Pedal und stellte ihn auf den Boden, weil ich zu viel Angst hatte.

Schließlich schmiss ich hin!

Dann würde ich halt nie Fahrrad fahren lernen! Meine Eltern akzeptierten es und ließen mich damit in Ruhe. Dafür bin ich ihnen bis heute dankbar, weil ich sonst vermutlich wirklich nie Fahrrad fahren gelernt hätte. Es wäre ein ständiger Kampf gewesen.

Meine Eltern schafften es nicht, mich wieder aufs Fahrrad zu kriegen, dafür aber meine beste Freundin aus der Grundschulzeit; ich nenne sie hier mal Anna.

Anna hatte gerade Fahrrad fahren gelernt!

Ich war 8 Jahre alt und sie 7. Sie hatte keine Hemiparese, hat das Rad fahren aber auch erst ziemlich spät für sich entdeckt.

Wir waren bei mir zu Hause im Garten. Es war warm und wir hatten Langeweile. Da entdeckte Anna mein Fahrrad in der Garage und stieg sofort auf. Sie drehte ein paar Runden, während ich ihr dabei zuschaute. Ich war damals ziemlich neidisch, weil sie etwas konnte und ich nicht!

Dann fragte sie: „Kannst Du eigentlich auch Fahrrad fahren.“ 

Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ne. Mit meiner Behinderung kann ich das nicht. Ich hab`s immer wieder probiert, aber es klappt nicht.“

Sie hielt an und schaute mich einmal von oben bis unten an. Dann sagte sie: „Doch! Ich glaube Du schaffst es! Ich kann`s Dir beibringen.“ 

Und dann brachte sie es mir bei!

Wir baten Annas Mutter, uns ihr Fahrrad vorbeizubringen. Zum Glück wohnte Anna in der Nähe, so dass wir innerhalb von einer Viertelstunde beide auf unseren Rädern vor meinem Haus saßen.

Den ganzen Tag über zeigte mir Anna immer wieder die einzelnen Schritte, um loszufahren;

  • Lenker gerade,
  • gerade sitzen,
  • rechter Fuß auf dem Pedal,
  • mit links abstoßen.

Das Abstoßen vom Boden übten wir alleine mehrere Runden die Straße rauf und runter; mit dem linken Fuß abstoßen, kurz das Gleichgewicht halten und wieder mit dem Fuß auf den Boden kommen. Anna fuhr die ganze Zeit über neben mir her.

Das Üben machte mir mit Anna zusammen auf einmal richtig Spaß und nahm mir ganz viel Angst. Ich lernte, meinem Körper mehr und mehr zu vertrauen.

Und dann fuhr ich meine ersten Meter!

Ich war nervös, den letzten Schritt zu machen und nach dem Abstoßen den linken Fuß aufs Pedal zu stellen. Aber Anna machte mir Mut. Sie sagte immer wieder: „Du schaffst das. Du schaffst das.“

Und ich schaffte es! Ich stieß mich ab, trat aufs Pedal und trampelte kräftig. Ich fuhr etwa 10 Meter bis ich merkte, dass ich gerade ganz alleine radelte. Ich konnte es in dem Moment gar nicht fassen! Das war der Oberhammer!

Dann drückte ich die Bremse und trat mit dem linken Fuß wieder sicher auf den Boden. Anna hinter mir machte Luftsprünge. „Du bist gefahren, Janina! Du bist gefahren!“, rief sie aufgeregt.

Das war ein super schöner Tag! Meine Familie, insbesondere meine Eltern, waren hin und weg! Es freute sie sehr, dass ich es doch noch lernte, Fahrrad zu fahren.

Und wir machten weiter!

In den nächsten Tagen zeigte mir Anna, wie man Kurven fährt, sicher über Bordsteine oder „Gullideckel“ kommt und sie nahm mir die Angst vorm schnelleren Fahren. Wir übten noch oft zusammen; mal hatte ich danach eine kleine Schramme, weil ich vom Rad kippte. Aber ich verlor nie mehr den Mut, wieder aufzusteigen und weiterzufahren.

Ich bin Anna bis heute sehr dankbar dafür, dass sie mir damals das Fahrrad fahren beigebracht hat. Sie hatte so viel Geduld, hat mich immer wieder motiviert und mir auch mal gesagt: „Jetzt stell` Dich nicht so an! Du kannst das!“. 

Hast Du auch eine Hemiparese und hast Fahrrad fahren gelernt? Wie hast Du das geschafft?

Oder bist Du vielleicht Mama bzw. Papa von einem Kind mit Hemiparese und willst es ihm beibringen? Wie machst Du das?

Schreibe es in die Kommentare! Ich freue mich darauf.

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4 Kommentare

  • Ich bin ein Erwachsener.
    War mein ganzes Leben Sportler.
    Hatte nun 3 Schlaganfälle
    mit Hemiparese der rechten Körperhälfte.
    Da war ich 43 Jahre alt.
    Und war zuvor schon 35 Jahre sehr aktiver
    Radfahrer und Sportler.
    Ich bin, weil ich auch nicht mehr laufen konnte,
    im Rollstuhl aus der Klinik gekommen.
    Nun stieg ich auf meine Fahrräder auf
    und Folgendes passierte (3 x):
    Ich fuhr los, damals noch mit meinem „alten Mut“ aus den vielen Jahren, wo ich sportlich Alles konnte. Nun aber, wenn ich etwas langsamer wurde und der Boden uneben ist, kippe ich unaufhaltsam auf die Seite der Hemiparese. Weil teils die Strassenverhältnisse so sind, wie sie sind, kippt das Fahrrad auf die „falsche Seite“. 3 schwerste Stürze waren die Folge. Eine Oma sah mich in Zeitlupe von meinem Rad stürzen und sagte mir: „Junger Mann, Sie sind echt lebensmüde! Was machen Sie da???“ Blutüberströmt mit Kopf- und Händeverletzung, die Hüfte und Knie aufgeschlagen, lag ich da. Ich schämte mich bis zum Mond. Und wusste, sie hatte Recht! Es macht keinen Sinn!*** Wenn Sie eine Gruppe kennen, wo wir „es“ nochmal erlernen können, wäre ich sehr dankbar! Ulrich Gessner

    Antworten
    • Hallo lieber Ulrich,

      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Wow, Du bist wirklich sehr mutig. Ich kann gut nachvollziehen, dass Du Dir wünschst, Fahrradfahren nochmal zu lernen.
      Eine Gruppe kenne ich dazu leider nicht.
      Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe eine kennt, vielleicht auch eine/r der SchlaganfalllotsInnen.
      Hast Du da schon mal nachgefragt?

      Viele Grüße 😊

      Antworten

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