Wie behindert bist du eigentlich?!

Wie erkläre ich anderen Kindern die Orthese meines Kindes?

Miriam und ich sitzen um 10 Uhr morgen beide an unseren Laptops und treffen uns zum Video-Coaching. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, ich in meinem Büro.

Miriam ist Mama von einem 5 jährigen Jungen mit linksseitiger Hemiparese. Nennen wir ihn Robin (auch Miriam heißt nicht wirklich Miriam ;).

Miriam erzählt mir, sie und Robin werden oft auf seine Orthese angesprochen, die er tagsüber trägt.

„Was hast Du da am Bein?“ bzw. „Was hat der Junge da am Bein?“  hören sie beinahe täglich, z.B. auf dem Spielplatz. Kennst Du Situationen wie diese auch?

Miriam weiß dann oft nicht, wie sie die Orthese erklären soll. Manchmal würde sie sie am liebsten auch gar nicht erklären, da ihr das ständige Fragen (gelegentlich) auf die Nerven geht. Kann ich gut nachvollziehen!

Und gleichzeitig finden sie und ich es gut, dass Kinder fragen, denn so lernen sie Vielfalt wirklich kennen und verstehen. Sie lernen ganz normal und selbstverständlich damit aufzuwachsen.

Meine kurze, knackige Empfehlung:

Ich würde den Fokus immer darauf legen, wobei die Orthese, Schiene oder ein anderes Hilfsmittel hilft. Konkreter:

„Das ist eine Orthese/Laufhilfe. Die hilft Robin dabei, besser zu laufen/zu rennen, mit Euch mitzuhalten.“

Oder, wenn es nicht um eine Orthese, sondern beispielsweise eine Handschiene geht:

„Das ist eine Schiene/Greifhilfe. Sie hilft ihm dabei,

  • sich gut am Klettergerüst festzuhalten/
  • das Blatt beim Basteln gut festzuhalten/
  • das Förmchen gut zu greifen.“ (je nach der jeweiligen Situation).

Gerade bei Kindern im Alter zwischen 3 und 6 reicht diese Erklärung oft schon völlig aus. Sie wissen, was es ist und wofür es gut ist. Weiter geht`s!

Bei Miriam und Robin war genau das auch der Fall. Miriam und Robin ging`s richtig gut mit dieser Erklärung.

Wenn weitere Fragen kommen…

… wie z.B. „Warum braucht er/sie das?“, dann würde ich individueller schauen. Und zwar danach, was sich für Dich und Euch gut anfühlt und auch je nach Situation.

Wenn Dein Kind schon älter ist, würde ich mit ihm auch genau darüber sprechen und es fragen: Was will es die anderen wissen lassen? Womit würde es sich wohlfühlen?

Erklärungs-Ideen:

Wenn Du oder Dein Kind keine Lust darauf haben, auf das Handicap näher einzugehen, könntest Du oder Ihr sagen:

„Manche Kinder und Erwachsene brauchen eine Brille, um besser sehen zu können. Andere brauchen eine Orthese, um damit besser laufen zu können. (Wiederum andere brauchen Nachhilfe, um in Mathe in der Klasse mitzukommen.) Ich brauche/ Robin braucht eben seine Orthese, um gut zu laufen.“

Oder, wenn Du bzw. Ihr mehr darüber erzählen wollt, könntet Ihr z.B. auch sagen:

„Robin kann seine linke Hand und seinen linken Fuß (noch) nicht so gut bewegen. Daher braucht er die Orthese, die ihm hilft, besser zu laufen.“

Meine Erfahrungen als Kind

Als Kind trug ich gelegentlich nachts eine Handschiene, tagsüber hatte ich aber keine Orthese an. Meine Eltern und ich mussten daher nie ein Hilfsmittel erklären, aber natürlich zigfach meine Hemiparese. Denn sie war sichtbar.

Und ich muss sagen, mir hat das meistens überhaupt nichts ausgemacht. Warum auch? Meine Hemiparese gehörte eben mit dazu und das Erklären irgendwie auch.

Meine Eltern sind damit, soweit ich mich erinnern kann, immer sehr natürlich bzw. selbstverständlich umgegangen. Sie haben so etwas gesagt wie:

„Janina hat einfach ein bisschen Schwierigkeiten damit, ihren rechten Arm und ihr rechtes Bein so gut zu bewegen, wie Du. Deshalb macht sie manches langsamer.“

Ich hab`s später ähnlich gemacht, wobei ich auch gerne die Diagnose mit einbezog (keine Ahnung warum – fand den Namen wohl irgendwie bemerkenswert).

Ich habe dann z.B. gesagt: „Ich habe eine Hemiparese auf der rechten Seite und kann deshalb mein rechtes Bein und meine rechte Hand nicht so gut bewegen.“

Meistens fragten die anderen Kinder dann gleich: „Was kannst Du denn nicht so gut?“ Das erklärte ich dann mehr oder weniger ausführlich. Der Fokus lag somit gleich darauf, was nicht ging bzw. schwer für mich war.

Deshalb würde ich den Satz heute ergänzen mit: „Und ich schaffe auch damit ganz, ganz viel.“ Denn damit lenke ich meinen Fokus und den der anderen mehr darauf, was geht, statt darauf, was nicht – bessere Stimmung für alle ;).

Du merkst vielleicht, ich bin ein großer Fan davon, Dinge positiv zu erklären. Und das aus einem guten Grund:

Orthesen, Handicaps und co. muss man oft erklären (wenn sie sichtbar sind). Es wird einfach oft danach gefragt.

Konzentrieren wir uns beim Erklären dann immer oder zumindest verstärkt auf das, was durch die Diagnose nicht geht, kann es schnell passieren, dass Deine oder Eure Stimmung kippt. Einfach, weil Du/Ihr wieder und wieder erzählt, was schwierig und negativ ist. Negative Worte und Gedanken lösen negative Gefühle aus.

Darüber hinaus kann es dazu führen, dass Du und/oder Dein Kind im Alltag auch mehr darauf achten. Dass Ihr vermehrt das seht, was schwierig und herausfordernd ist. Keine optimale Voraussetzung für Mut und Kraft nach vorne.

Und letztlich kann es passieren, dass die Stimmung der anderen kippt, weil auch sie sich mehr auf das Negative konzentrieren.

Das heißt jetzt NICHT:

Redet immer nur positiv über das Handicap, die Orthese usw. Natürlich dürft Ihr sie auch mal schei*** finden und das auch andere wissen lassen. Ich finde meine Hemiparese auch nicht immer zum Anbeißen!

Und gleichzeitig:

Wenn Ihr Euch beim Erklären immer wieder auch darauf konzentriert: Was schafft Dein Kind schon? Wobei hilft die Orthese, wofür ist sie gut?

  • … dann bleibt Ihr in einer neutralen oder sogar positiven Stimmung,
  • habt mehr auf dem Schirm, was gut läuft, was positiv ist und
  • Ihr lasst die anderen wissen: Auch mit Handicap geht so einiges! Oder auch: Auch mit Handicap macht das Leben Spaß!

Wie hast Du bisher die Orthese, Schiene oder auch das Handicap Deines Kindes anderen Kindern erklärt?

Schreibe es in die Kommentare! Ich freue mich darauf.

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