Die 11 jährige Anna sitzt aufgeregt in ihrer Klasse. Seit gefühlten Stunden schwafelt ihr Lehrer davon, dass er gleich die korrigierte Klassenarbeit austeilt, die Anna und ihre Mitschüler vor einer Woche geschrieben haben. Sie sei insgesamt eher schlecht ausgefallen.

Anna rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie hält die Spannung kaum aus. Dann endlich verteilt ihr Lehrer die Arbeit und Anna sieht auf ihre ausgefüllten Blätter. Überall sieht sie rot markierte Sätze mit ihren Fehlern. Unten steht in rot „Note: Ausreichend”.
Na toll, eine 4. Anna hat einfach zu viele Fehler gemacht!

Jeder von uns kennt vermutlich ähnliche Situationen; eine Klassenarbeit voller roter Anmerkungen.

Und das ist nur eine von vielen Situationen, in der wir schon früh lernen:

Fehler sind negativ, mach` möglichst wenig davon, am besten gar keine!
Zahlreiche Kinder nehmen dieses Denken mit ins Erwachsenenalter. Die Folge: Die Angst davor, Fehler zu machen.

Besonders im Coaching mit Eltern fällt mir das regelmäßig auf.

Fehler in der Erziehung

Gerade in der Erziehung will man keine Fehler machen. Schließlich weiß man ja heute durch diverse Forschungen, wieviel dadurch ausgelöst werden kann.

Auch in zahlreichen Zeitungsartikeln, im Netz sowie in Ratgebern liest man regelmäßig:
„Vermeide unbedingt diese Fehler in der Erziehung!”
„Tu dies nicht… Tu das nicht…” oder
„Wenn Du diesen Fehler bei Deinem Kind machst, dann…”

Was mir auffällt:
Diese „Keine-Fehler-Einstellung” löst ganz schön viel Druck aus!

Man will möglichst alles perfekt machen. Und wenn dann doch ein vermeintlicher Fehler passiert, wirft man sich ihn lange Zeit vor.

Was dadurch auch häufig passiert: Verunsicherung. Man weiß gar nicht: Wie soll man es denn richtig machen? Manchmal fängt man dann gar nicht erst an.

Ich nehme mich davon übrigens nicht aus! Auch ich habe (öfter als mir lieb ist), Angst davor, Fehler zu machen.

Und gleichzeitig versuche ich mir in solchen Momenten immer wieder bewusst zu machen, was Fehler eigentlich sind:

Erfahrungen! Erfahrungen, aus denen man oftmals viel mehr über sich und andere lernen kann als aus Erfolgen.

Wenn man beispielsweise bei Stress regelmäßig dazu tendiert, gegenüber seinem Partner/seiner Partnerin oder seinen Kindern laut zu werden, ist das ein Fehler. Es ist aber gleichzeitig eine große Chance, sich…

  • … mit seinen eigenen Gefühlen mehr auseinanderzusetzen; nachzuspüren: Was macht mich eigentlich so aufbrausend, wütend bzw. was stresst mich?
  • … oder den eigenen Terminkalender mal genauer durchzusehen und zu überprüfen: Was ist gerade vielleicht zu viel? Oder auch: Was fehlt mir?

Das ist jetzt nur ein Beispiel für einen Fehler, hinter dem eine große Entwicklungschance steckt. Und ich könnte noch auf zahlreiche weitere Beispiele aufzählen, das würde an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen.

Denke vielleicht mal selbst an einen Deiner Fehler. Was konntest Du schon aus ihm lernen?
Mach`s wirklich, denke mal kurz darüber nach!

Die Pädagogin Katja Saalfrank hat mal gesagt:

Fehler sind wie Autobahnausfahrten, die man ursprünglich nicht nehmen wollte, die aber trotzdem interessant sein können.
Man sieht neue Dinge, erweitert seine eigene Landkarte, man wird schlauer.

Und ganz oft kann man entweder wenden und wieder auf die Autobahn zurück, man fährt bis zur nächsten Auffahrt oder man entdeckt vielleicht sogar einen ganz neuen Weg für sich neben der bisherigen Strecke.

Ich finde diese Sicht auf Fehler sehr interessant und auch mutmachend. Was denkst Du?

Wenn ich eines über Fehler gelernt habe, dann das:

Angst hin oder her, wir machen sowieso Fehler! Es geht gar nicht anders.
Und es kommt letztlich darauf an, wie wir mit ihnen umgehen und was wir aus ihnen machen.

Wenn Dich das Thema Fehler machen sehr beschäftigt, könnte dieser Beitrag auch interessant für Dich sein: Warum Du in jedem Moment die beste Entscheidung triffst!