„Wann sage ich ihnen am besten, dass ich eine Behinderung habe?“

Ich bekomme immer mal wieder die Frage von Menschen mit Handicap:
„Wenn ich Leute kennenlerne, wann sage ich ihnen am besten, dass ich eine Behinderung, Einschränkung, Handicap habe?“.

Auch viele Eltern fragen: „Wann sage ich bzw. wann sagt mein Kind am besten, dass es eine Hemiparese hat?“

Wenn ich dann frage: „Wie machst Du`s bisher?“ oder „Wie macht Ihr`s bisher?“, kommt meist die Antwort: „Eigentlich sofort, wenn ich/wir andere kennenlerne(n).“

Ich habe es früher ganz genauso gemacht und war lange davon überzeugt, dass es das Beste ist, gleich von meiner Hemiparese zu sprechen.

Der Grund:

Ich ging davon aus, die anderen würden mich, wenn ich nichts von meiner Hemiparese erzählte, früher oder später so oder so schief ansehen und ggf. sogar blöde Fragen stellen; à la „Wieso bewegst Du Deinen Arm so komisch?!“ oder „Warum läufst denn Du so komisch?!“.

Das wollte ich vermeiden und habe mich deshalb immer dazu entschieden: Sobald ich andere kennenlerne, erzähle ich ihnen gleich von meiner Situation; sozusagen als Vorab-Rechtfertigung.

Heute sehe ich das Ganze anders!

Denn mein Coach hat mir eine andere Perspektive gezeigt. Sie hat mir gesagt:

„Hör mal Janina, wenn Du so denkst, denkst Du für die anderen. Du zerbrichst Dir deren Kopf. Und Du wirfst ihnen vor, dass sie, ohne Dich zu kennen, gleich über Dich und Deine Situation urteilen. Das ist ganz schön unfair!“.

Und es stimmte! Ich ging immer gleich davon aus, den anderen müssten meine Hemiparese gleich auffallen und sie, so wie ich, sofort als Makel abstempeln. Und das ist wirklich nicht fair! Zumal, wenn ich mal vergaß, meine Hemiparese zu erwähnen, sprachen mich nur wenige überhaupt darauf an und wenn, dann ziemlich freundlich. Meine Angst vor der „Verurteilung“ anderer war also oft völlig überflüssig bzw. sie entsprach einfach nicht der Realität.

Ein weiterer Punkt, der mir im Verlauf des Coachings klar wurde: 

Wenn ich immer gleich von meiner Hemiparese erzählte, legte ich sofort den Fokus auf meinen vermeintlichen Makel und machte mich damit selbst schlecht.

Das wäre in etwa so als würde ich im Vorstellungsgespräch gegenüber meinem zukünftigen Chef sagen:
„Ach Herr/ Frau …, ich bin übrigens immer unpünktlich und ziemlich unzuverlässig.“.
Oder als würde ich im 1. Date sagen: „Du, ich bin übrigens total unordentlich und eifersüchtig.“. 

Das würde ich nie tun und ich glaube auch, kein anderer. Wir würden unseren Fokus mehr darauf lenken, welche Stärken und positiven Eigenschaften wir haben.

Für mich war deshalb wichtig zu begreifen: Ja, die Hemiparese ist ein Teil von mir, darüberhinaus gibt es aber noch viel viel mehr, das mich auszeichnet; Fähigkeiten, Talente, Ideen usw. Und die sollte ich erstens viel mehr wahrnehmen und schätzen und zweitens in den Vordergrund stellen!

Aus diesem Grund oder viel mehr aus diesen Gründen erzähle ich heute nicht gleich jedem, dass ich eine Hemiparese habe. Mein Fokus liegt ganz woanders; darauf, den anderen kennen- und verstehen zu lernen, unsere Hobbys und Erfahrungen auszutauschen und einfach eine schöne Zeit zu haben.
Bei Arztbesuchen und auch im Kontext meiner Coaching-Tätigkeit spreche ich natürlich schon sofort darüber; dort ist es aber auch relevant.

Das empfehle ich heute meinen Klienten:

Wenn mich meine Klienten fragen:
„Soll ich gegenüber anderen gleich meine Hemiparese erwähnen?“ oder auch „Soll ich anderen gleich von der Hemiparese meines Kindes erzählen?“, dann frage ich meistens:
„Gegenüber wem genau und mit welchem Ziel?“

Gegenüber Ärzten, Therapeuten, Erziehern, Lehrern, Arbeitgebern macht es natürlich absolut Sinn, das sofort mitzuteilen. Sie müssen das wissen, um mit Dir bzw. dem Kind entsprechend gut arbeiten zu können.

Die Frage ist, wenn Du es jedem gleich erzählst, welches Ziel verfolgst Du dabei?

Und wenn es, wie bei mir früher, als Vorab-Rechtfertigung bzw. als Schutz davor dient, was andere denken oder sagen könnten, würde ich`s einfach mal drauf ankommen lassen! Denn, wer weiß: Vielleicht interessiert es den anderen gar nicht, dass Du ein Handicap hast bzw. Dein Kind eines hat! Und nur Du nimmst es so wichtig.

Ich würde dann davon erzählen,

  • wenn es relevant ist (wenn es z.B. darum geht gemeinsam Aktivitäten zu machen, die aufgrund des Handicaps herausfordernd sein könnten – bei mir z.B. Inliner fahren, eislaufen, klettern etc.)
  • oder, wenn mich jemand danach fragt.

Und ansonsten würde ich mich einfach mal auf andere Themen konzentrieren und den Dinge ihren Lauf lassen.

Denn, Dein Fokus beeinflusst auch den der anderen. Und, wenn Du Deinen Fokus oft auf Dein Handicap legst, Dich damit unwohl fühlst, dann werden es die anderen vermutlich schnell merken und sich stärker darauf konzentrieren.
Wenn Du aber ganz andere Themen in den Vordergrund stellst, dann wird sich auch der Fokus der anderen verschieben. Ganz viel Erfolg beim Ausprobieren!

Was sind Deine Gedanken zu dem Thema? Schreibe es gerne in die Kommentare! Ich freue mich darauf.

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  1. Was für ein toller Beitrag. Genau die Frage stelle ich mir auch. Und was für ein Lebensweg. Halb so alt wie ich und schon so reflektiert. Toll.

    • Janina Wisniewski

      Hallo Olaf, vielen Dank Dir! Es freut mich, wenn Dir der Beitrag und die Sichtweise gefallen.

      Ganz viele Grüße,
      Janina

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