In letzter Zeit habe ich viele Zeitungs- und Online-Artikel über Menschen mit besonderen körperlichen Situationen gelesen. Das Erschreckende:

 

Jeder zweite Artikel beginnt mit diesem Satz:

„Er bzw. Sie leidet unter….“ z.B. Hemiparese, MS, Querschnittslähmung.
Es ist ein geläufiger Satz, wir sagen ihn einfach, ohne darüber nachzudenken.

 

Aber wer sagt denn eigentlich, dass er bzw. sie unter seiner/ihrer Situation leidet?

Das wird häufig einfach vorausgesetzt; nach dem Motto: Wer eine körperliche Einschränkung bzw. Besonderheit hat, dem kann es ja gar nicht gut gehen!

Und Menschen, die selbst eine besondere körperliche Situation haben, sagen das selbst oft:
„Ich leide unter…“

Aber, was wir dabei vergessen: Sätze wie diese haben auch eine Wirkung!

Wenn ich ständig über mich sage „Ich leide…“ oder auch, wenn es jemand anderes über mich sagt („Sie leidet…“), wie hoch ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich mit meiner besonderen körperlichen Situation wohl fühle und es mir gut mit ihr geht?

Zumindest bei mir ist das Wort „Leid“ so negativ abgespeichert, dass es mir damit gar nicht gut gehen kann!
Ich verbinde damit:
Schmerz, Verletzung, Traurigkeit, Krankenhaus, vielleicht auch Abhängigkeit; alles Dinge, die ich mir nicht wünsche!

Wie ist das bei Dir? Was verbindest Du mit den Worten Leid bzw. leiden?

 

Klar, eine besondere körperliche Situation ist kein Zuckerschlecken!

Es ist nervig, bestimmte Dinge einfach nicht zu können. Und klar manchmal denkt man sich auch: „Ohne Handicap wäre das Leben einfacher!“

 

Vergessen wird aber oft: Man kann auch mit Handicap ein glückliches Leben führen!

Es kann auch als Chance verstanden werden; eine Chance, den eigenen Körper ganz anders bzw. neu kennenzulernen. Man ist immer wieder dazu aufgefordert, kreativ zu werden, auszuprobieren und Dinge anders zu machen als andere (z.B. viel einhändig zu machen – Das kann längst nicht jeder).

Aber davon unabhängig:
Mit oder ohne Handicap kann man
verschiedensten Hobbys nachgehen (ich war z.B. reiten und singen),
man kann Sport treiben (in meinem Fitnessstudio z.B. gibt es 3 oder 4 Rollstuhlfahrer, mehrere mit MS, einer mit Parkinson),
ins Kino gehen,
mit Freunden einen drauf machen,
arbeiten;
Das Leben ist nicht vorbei, nur weil man auf die ein oder andere Weise körperlich eingeschränkt ist, im Gegenteil!

 

Und genau deswegen mag ich es nicht, wenn jemand von Grund auf sagt: „Er bzw. sie leidet unter…“!

Es ist eine Unterstellung, die im schlimmsten Fall wirklich dazu führen kann, dass man mehr mit seiner Situation zu kämpfen hat, als man müsste. Denn das Wort leiden löst einfach negative Assoziationen und Gefühle aus; Niemand will gerne leiden!

 

Mein Impuls für Dich:

Achte mal in den nächsten Tagen darauf:
Wenn Du über Dein Handicap sprichst (egal ob jetzt mit anderen oder mit Dir selbst intern in Gedanken), welche Worte nutzt Du dabei?
Und was lösen diese Worte in Dir aus?
Eher positive oder negative Gefühle? Geht`s Dir danach gut oder eher nicht so?

Und wenn Du feststellst: Das macht mir eher schlechte Gefühle, dann überlege mal: Welche Worte könntest Du stattdessen nutzen, um deine Situation zu beschreiben?

Ich z.B. spreche nicht von Behinderung, wenn ich über meine Hemiparese spreche. Warum? Weil ich dieses Wort zum Kotzen finde (entschuldige meine Ausdrucksweise, aber so ist es). Ich sage stattdessen besondere körperliche Situation; einfach, weil diese 3 Worte für mich neutral sind und keine schlechten Gefühle auslösen.

 

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Finden Deiner eigenen Worte und freue mich auf Deinen Kommentar zum Thema!