Wie behindert bist du eigentlich?!

Wie überlebe ich die „Alles-ist-Schei***-Phase“ meines Kindes?

Neulich erzählte mir ein Mama, dass ihr fünfjähriges Kind gerade mitten in der „Alles-ist-schei***-Phase“ steht – ganz besonders, was die Hemiparese betrifft.

… „Die Physio ist schei***! Die Reha ist schei***! Die Orthese ist schei***!“ …

Eine herausfordernde Zeit, vor allem, weil man als Eltern oft nicht weiß: Wie reagiere ich jetzt darauf? Schließlich will man, dass es dem eigenen Kind mit seinem Handicap (zumindest halbwegs) gut geht, dass es damit zurechtkommt.

 

Vorab:

Wenn Du merkst, Dein Kind leidet derzeit stark unter seinem Handicap, zögere nicht, eine/n Kinder- und Jugendpsychotherapeuten bzw. -therapeutin zu kontaktieren. Manchmal brauchen Kinder diese Unterstützung.

Wir schauen uns heute an, was helfen kann, wen die „Alles-ist-schei***-Phase“ zwar da und vielleicht auch anstrengend ist, jedoch nicht zur absoluten Krisenzeit geworden ist. Let`s go!

 

Zuerst: Was genau ist eigentlich schei***?

Wichtig ist, Sätze wie „Die Physio/Orthese ist schei***!“ ernst zu nehmen und nicht direkt zu verneinen – nach dem Motto: „Nein, das ist nicht wahr.“
Denn für das Kind stimmt offensichtlich etwas ganz und gar nicht. Jetzt gilt es herauszufinden, was genau gerade so blöd ist.

  • Was an der Physio ist schei***?
  • Liegt`s bei der Therapie an dem/der TherapeutIn? Den Übungen? An der späten Uhrzeit nachmittags nach der Kita/der Schule? Oder an etwas ganz anderem?
  • Ist das immer so? Oder macht die Physio vielleicht auch manchmal Spaß? Wann macht sie Spaß?
  • Gibt`s Möglichkeiten, wieder mehr Spaß daran zu haben?

Das Gleiche mit der Orthese – Was genau ist schei***? Woran liegt`s?…

Diese Fragen brauchst Du nicht alleine durchdenken, sondern nach Möglichkeit mit Deinem Kind zusammen. So merkt es einerseits, dass Du es und seine Gedanken rund um die Hemiparese ernst nimmst. Andererseits bekommen Du und Dein Kind mehr Klarheit, was genau es belastet.

Ziel ist dabei zunächst nicht, anschließend sofort Lösungen zu finden oder zu präsentieren. Es geht erst einmal nur darum, den Ist-Zustand zu erfassen.

Viele Eltern berichten mir, dass es schwierig für sie ist, nicht sofort einen passenden Satz oder eine Lösung parat zu haben. Das kann ich gut nachvollziehen. Man will nicht, dass sein Kind leidet, man will, dass schnell alles wieder gut ist.

 

ABER: Es muss nicht immer alles gut sein!

Im Gegenteil, das Handicap und die damit verbundene Therapie, Orthese und Reha dürfen auch mal doof/schei*** gefunden werden. Schließlich sind sie manchmal wirklich ätzend. Therapien und Orthesen tragen ist zeitaufwändig, anstrengend und andere Kinder ohne Handicap brauchen beides nicht.
Das muss erst einmal verdaut werden. Negative Gefühle sind da häufig völlig normal und gehören dazu. Und sie müssen auch nicht sofort „weggemacht“ werden.

Oft reicht es schon, sie gemeinsam auszuhalten und vielleicht auch über sie zu sprechen.

 

Ebenfalls ein spannender Gedankengang:
Die „Alles-ist-schei***-Phase“ haben auch Kinder ohne Handicap!

Klar: Nicht alle und bei jeder und jedem ist sie ein bisschen anders. Aber auch Kinder ohne Handicap erleben Zeiten, in denen sie das Schei***-Wort häufig sagen und auch meinen. Wobei es nicht genau dieses Wort sein muss. „Kacke“, „Beschi***“ und „Behindert“ liegen manchmal auch hoch im Kurs.

Beispielsweise dann, wenn sie an ihre Grenzen kommen, wenn sie etwas Bestimmtes nicht dürfen, wenn sie etwas als unfair erleben oder… oder… Die „Schei***-Phase(n) gehören in gewisser Weise zur Kindheit dazu. Eltern von Kindern mit Handicap fallen sie jedoch oft noch stärker auf, sobald sie sich gegen das Handicap richten.

 

„Schei***“ – ein Wort, auf das wir reagieren!

Kinder erleben früh, dass ihre Eltern auf Schimpfwörter reagieren. Eventuell schnappen sie mit 2, 3 Jahren das Wort erstmals in der Kita auf und nutzen es ab dann recht regelmäßig. Oft zunächst in Verbindung mit „Kacka“, „Pups“ und „Pipi“, später dann, um Zustände und Erlebnisse zu beschreiben, die sich nicht gut anfühlen.

Manche Eltern verbieten das Schei***-Wort, wenn ihr Kind es zum ersten Mal sagt oder sie versuchen es zumindest – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Manche erklären, warum man dieses Wort nicht sagen sollte und schlagen Alternativen vor.
Fakt ist: Wir reagieren auf diese oder ähnliche Ausdrücke und messen ihnen viel Bedeutung bei. Und das wissen Kinder irgendwann.

Das heißt auf keinen Fall: Bitte reagiere jetzt nicht mehr, wenn Dein Kind sagt: „Meine Hemiparese ist scheiße.“ Das wäre auch nicht richtig, schließlich hat Dein Kind offensichtlich Redebedarf.
Dennoch macht es Sinn, sich zwischendurch bewusst zu machen, dass wir dem Wort viel Bedeutung geben. Was es jedoch in dem Moment für das Kind bedeutet, ist zunächst erst einmal offen.  Und da wären wir wieder beim ersten Impuls: Was bedeutet schei*** hier überhaupt und was genau ist so doof?

 

Gemeinsam Lösungen entwickeln…

…auch das ist natürlich hilfreich und sinnvoll. Jedoch nur dann, wenn Dein Kind gerade offen dafür ist. Heißt, wenn es besonders emotional ist, flucht oder weint, macht eine Lösungssuche absolut keinen Sinn. Denn sein bzw. ihr Gehirn ist dazu dann nicht in der Lage. Das limbische System – das Gefühlszentrum im Gehirn – hat die Oberhand, der präfrontale Kortex – das Denk- und Entscheidungszentrum  im Gehirn – macht eine Pause. Dein Kind kann nicht klar denken, sondern fühlt einfach. Auf jegliches „Probier`s doch mal so…“ und „Dafür kannst Du aber das, das und das.“, folgt nur ein grimmiger Blick, weitere Tränen oder ein Wutausbruch.

Hebt Euch Gespräche über Lösungen und Möglichkeiten für später auf. Gerade zählt nur die Bewältigung der starken Emotionen.

Und auch bei der Suche nach Lösungen musst Du nicht duzende im Vorfeld wissen. Es reicht, wenn Ihr gemeinsam danach schaut und überlegt:

  • Was könnte helfen?
  • Wie könnte die Therapie wieder mehr Spaß machen oder die Orthese weniger stören?
  • Wie könnte Dein Kind auf blöde Sprüche von außen reagieren (wenn die Schei***-Phase daher kommt)?

 

Manchmal kommt die Phase auch dann, wenn alles Kopf steht…

Im Alter von 5, 6 Jahren wissen schon viele Kinder, dass ihr Körper irgendwie anders funktioniert als bei anderen. Aber nicht alle wissen schon Genaueres über ihre Diagnose. Wie kam es dazu? Was genau ist anders? Was kann ich, können wir tun? usw.

Häufig ist die Schei***-Phase ein Teil der schrittweisen Bewusstwerdung über das Handicap – ein wichtiger Teil der Entwicklung von Kindern mit Handicap. Daher kann es manchmal Sinn machen, das Handicap und wie es entstanden ist, zum Thema zu machen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Du Deinem Kind jetzt in epischer Breite von seinem Schlaganfall oder seiner Hirnblutung erzählen musst und sollst. Das ist ggf. noch etwas früh. Man könnte aber dennoch erzählen, dass es eine Verletzung oder eine Narbe im Kopf hat und aufgrund dessen die eine Seite nicht so gut bewegen kann, wie die andere.

Manchmal helfen Erklärungen wie diese, das Handicap greifbarer zu machen, verständlicher. Das wiederum kann ein Stück des Frustes nehmen.

 

Ebenfalls denkbar:
Mehr Kontakt zu anderen, die das gleiche oder ein ähnliches Handicap haben!

Das können z.B. Kinder im gleichen Alter sein, um bewusster mitzubekommen: Ich bin damit nicht alleine, anderen geht`s ähnlich.
Gerade, wenn Dein Kind dafür offen ist, könnte das eine Idee sein. Ggf. kontaktiert Ihr eine Selbsthilfe-Gruppe für Familien mit „Schlaganfall-Kindern“.

Oder, wenn Dein Kind bereits 6, 7 Jahre alt ist und das Thema Handicap akut ist, könnt Ihr jederzeit auch auf mich zukommen. Ich bin ebenfalls damit großgeworden und kenne die verschiedenen Herausforderungen, Fragen und Themen aus eigener Erfahrung. Und ich begleite im Coaching immer wieder Kinder, die mit ihrem Handicap strugglen.
Wenn Du selbst als Mama bzw. Papa Fragen rund um das Thema hast, melde Dich ebenfalls bei mir. Ich höre gerne zu und unterstütze. Im Coaching geht das natürlich auch viel passgenauer als hier in der Mittwochs-Motivation. Hier kann ich Themen zwar anreißen und erste Tipps geben, ob diese aber für Dich und Euch gerade hilfreich sind, das bleibt offen. Im Coaching konzentrieren wir uns nur auf Dich und Euch.

 

Last but not least, vielleicht ein Gedanke, der beruhigt:
Die Schei***-Phase geht sehr wahrscheinlich nicht ewig! 

Kinder beschäftigen sich im Laufe ihrer Kindheit typischerweise immer mal wieder mit ihrem Handicap. Mal eher sachlich, mal emotional, mal begleitet von zahlreichen Schimpfwörtern.

In der Regel gibt es aber immer wieder auch Zeiten, in denen das Handicap in den Hintergrund rückt und andere Themen wichtiger werden. Auch die derzeitige Phase dauert vermutlich nicht für immer an, auch sie geht vorüber!
Selbstverständlich sollte man sie deshalb nicht einfach aussitzen oder ignorieren. Dennoch schafft diese Sichtweise möglicherweise Hoffnung, Zuversicht und vielleicht auch ein wenig Gelassenheit.

Schreibe mir gerne mal in die Kommentare: Ist bei Euch auch die Schei***-Phase aktut? Wie geht Ihr damit um?

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