Welche Sportarten eignen sich für Kinder mit Hemiparese?
Neulich tauchte unter einem meiner Posts auf Instagram die Frage auf:
„Welche Sportarten eignen sich für Kinder mit Hemiparese?“
Eine knifflige Frage, da ja jedes Kind mit Hemiparese anders ist, unterschiedliche Stärken, Interessen und Herausforderungen hat. Und natürlich spielt auch das Alter des Kindes eine Rolle. Ein 10 jähriges Kind schafft andere Dinge als ein 5 jähriges.
Ebenfalls entscheidend: Das Ziel hinter dem Sport. Geht es darum, die Hemiparese während der Aktivität gezielt zu fördern? Oder soll sie eher in den Hintergrund rücken und eine möglichst geringe Rolle spielen?
Lass` uns heute mal einige Sportarten anschauen, die vielleicht für Dein Kind infrage kommen. Die meisten sind Aktivitäten, von denen ich weiß, dass sie von Kindern mit Hemiparese betrieben werden.
Sportarten, für die man eine Hand, manchmal anderthalb Hände braucht:
Hierzu gehören viele Schlägersportarten, wie z.B. Badminton/Federball, Tennis oder Tischtennis. Hier hält man den Schläger meist mit nur einer Hand und spielt den Ball hin und her.
Jedoch wird für den Aufschlag häufig die zweite Hand zum Werfen und/oder Fallenlassen des Balls benötigt. Eventuell kann man hier aber auch eine Einhand-Strategie entwickeln.
Badminton und Tennis sind laufintensive Sportarten. Das weiß ich gut aus eigener Erfahrung, da mein Mann und ich ab und an gerne Badminton spielen gehen. Am besten klappt es hier im Doppel, wenn ich vorne am Netz bin und mein(e) SpielpartnerIn die hintere Spielfläche abdeckt. Denn seitlich und vorwärts laufen geht mit Hemiparese oft ganz gut, rückwärts laufen ist herausfordernder.
Denkbar wären ggf. auch
- Basketball spielen,
- Einrad fahren,
- Inliner oder Schlittschuh laufen,
- Stand up Paddling,
- Dart werfen oder
- Trampolin springen.
Wobei man hier natürlich näher hinschauen muss, denn jede der Sportarten hat ihre ganz eigenen Voraussetzungen. Beim Basketball spielen kann man zwar weitgehend einhändig dribbeln, beim Korbwerfen braucht man jedoch spätestens die zweite Hand als Unterstützung. Dennoch könnte die Kraft für den Wurf vor allem aus der Hand kommen, die gut funktioniert.
Als Kind hatten wir zu Hause im Garten mal einen Basketballkorb. Ich habe es geliebt, Körbe zu werfen.
Für`s Einrad fahren, Inlinern, Stand up Paddling und Trampolin springen braucht man theoretisch gar keine Hände, aber natürlich eine gute Balance. Das kann mit Hemiparese ebenfalls herausfordernd sein.
Dennoch ist es etwas, das Kinder mit Hemiparese immer wieder fleißig in der Physiotherapie trainieren. Mein Gleichgewicht ist heute z.B. besser, als bei so manchen ohne Hemiparese. Stand up Paddling ist daher heute eine Sportart, die ich zwischendurch gerne betreibe.
In jedem Fall können alle 5 Sportarten Spaß machen und herausfordern.
Dart werfen fand ich als Kind ebenfalls großartig. Meine Oma hatte in ihrem Flur eine Scheibe hängen – abgesichert mit einer Isomatte, die dahinter geklemmt war. So warf ich nicht direkt in die Wand, sondern im Zweifel in die Matte. Das war ein einhändiger Spaß!
Typische Sportarten, die viele Kinder betreiben
(Immer wieder auch Kinder mit Hemiparese):
Jede(r) kennt Fußball spielen, Schwimmen, Reiten, Fahrradfahren und co. Nicht unbedingt Sportarten, bei denen man an Kinder mit Hemiparese denkt. Und dennoch betreiben einige Kinder mit dieser Diagnose Sportarten wie diese.
Viele Eltern erzählen mir, dass ihr Kind in einem inklusiven oder teilweise auch „ganz normalen“ Fußballverein ist oder dass es reiten geht und nach viel Üben sogar Fahrrad fährt.
Und das ist ein wichtiger Punkt: Eine Hemiparese muss nicht zwingend bedeuten, dass Dein Kind keine „typischen“ Sportarten ausführen kann. Manches läuft vielleicht anders, langsamer, mit mehr Training, aber oft ist viel möglich! Gerade, wenn man die richtigen LehrerInnen und TrainerInnen findet. Es lohnt sich, auszuprobieren!
Fahrradfahren bietet den Vorteil, dass es mittlerweile viele Möglichkeiten gibt, ein Fahrrad umbauen zu lassen. Es gibt Dreiräder, Therapiefahrräder, Fahrräder mit Handantrieb uvm. Wenn das „normale“ Zweiradfahren nicht klappt, gibt es viele Alternativen.
Manche Kinder, mit deren Eltern ich im Coaching zusammengearbeitet habe, gehen regelmäßig mit einer Gruppe klettern oder betreiben Kampfsport. Ebenfalls zwei Sportarten, bei denen man nicht unbedingt an Kinder mit Hemiparese denkt. Und dennoch berichten viele Eltern von tollen Erfahrungen darin. Einige Gruppen sind von sich aus inklusiv und offen für Kinder mit Handicap.
Kampfsport lebt von gegenseitigem Respekt, man achtet aufeinander und schließt alle mit ein. Eine super Grundvoraussetzung!
Klettern macht man zwar häufig in der Gruppe und dennoch kann hier jede(r) in seinem eigenen Tempo lernen und besser werden.
Gleichzeitig sind beide Sportarten ziemlich anstrengend und nicht für jede(n) geeignet. Auch hier gilt: Man muss es ausprobieren und Erfahrungen sammeln!
Was mich total überrascht hat:
Einige Kinder mit Hemiparese fahren Ski oder Snowboard! Auch ich fahre seit meinem 5. Lebensjahr regelmäßig Ski. Mein Vater hat es mir über viele Jahre hinweg beigebracht und nie aufgegeben, auch wenn ich manchmal am liebsten das Handtuch geworfen hätte. Aber es hat funktioniert! Bis heute sause ich einmal im Jahr für eine Woche die Pisten hinunter – mal mit einem Stock, mal mit zweien und oft auch ganz ohne.
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich dann gemerkt, viele Kinder mit Hemiparese fahren Ski und lieben es. Es ist zwar unfassbar anstrengend, alleine das Anziehen der dicken Winterkleidung und der Skischuhe dauert einhändig/anderthalbhändig ziemlich lang und kostet Kraft. Auch das Fahren der Kurven, das Bremsen und Liften ist nicht ohne. Aber es ist auch ein richtig tolles Gefühl!
Eventuell eher für ältere Kinder:
Yoga. Mist, um das Thema Gleichgewicht kommen wir heute echt nicht rum ;).
Denn klar, auch hier sind wieder Körpergefühl und Balance gefragt.
Dennoch weiß ich: Es gibt einige Yoga-Kurse, die offen sind für Kinder und Erwachsene mit Handicap. Manche Kurse werden sogar explizit von einer Person mit Handicap angeboten. Yoga geht also auch mit „Einschränkungen“.
Man muss kein perfektes Körpergefühl haben, gerade für den Einstieg ist das nicht erforderlich. Und auch hier kann jede(r) in seinem eigenen Tempo lernen und besser werden. Hinzu kommt: Dieser Sport schafft mehr Bewusstsein für den eigenen Körper, er wird oftmals langsam ausgeführt und beinhaltet neben Anspannung immer wieder auch Entspannungsmomente. Gerade bei einem zu starken Muskelturnus kann das hilfreich sein!
Ein Haken:
Alle bisher genannten Sportarten betreibt man in der Regel im Stehen oder Laufen. Keine ist Rollstuhl geeignet. Wobei, das stimmt nicht ganz. Mittlerweile gibt es Rollschuh-Basketball, Rollstuhl-Tischtennis, Sitzvolleyball, Rollstuhl-Yoga uvm. Hier könnte es Sinn machen, mal zu schauen, ob es einen Handicap-Sportverein in Eurer Nähe gibt.
Aber klar, das Angebot an Sportarten ist deutlich kleiner, wenn man im Rollstuhl sitzt.
Denkbar wäre hier ggf. später im Teenie-Alter ein regelmäßiger Fitnessstudio-Besuch, in dem man Kraftsport macht. Gerade als Teenie ist das ja oft auch inn und cool.
Ich war bis vor einiger Zeit selbst 3x wöchentlich Fitnessstudio, um meine Muskeln gezielter zu trainieren. Klar, war es manchmal langweilig, (gerade dann, wenn ich meine Kopfhörer vergessen hatte). Aber es war auch irgendwie entspannend, denn ich konnte meine Übungen in meinem Tempo angehen und mich immer wieder steigern. Mit einem Freund oder einer Freundin dabei kann es natürlich gleich viel spaßiger und abwechslungsreicher sein.
Unabhängig davon, was Ihr ausprobiert:
Neben der Frage, ob eine Sportart für Dein Kind mehr oder weniger geeignet ist: Wichtig ist der Spaßfaktor! Der Sport sollte interessant für es sein, neugierig machen und Hunger auf mehr.
Ich war früher in einer Musical-Gruppe und natürlich war klar, dass meine Bewegungen beim Tanzen nicht so gezielt und gekonnt aussahen, wie bei den anderen. Das war aber auch nicht so wichtig! Es war einfach toll, Teil dieser Gruppe zu sein. Es hat Spaß gemacht, die Leistung war zweitrangig.
Auch kommt es bei der Sportwahl auf den bzw. die TrainerIn an, der/die den Kurs unterrichtet. Ist er/sie offen für Dein Kind und seine individuellen Herausforderungen? Traut er/sie es sich zu? Dann ist oft schon viel gewonnen!
Und auch die Zeit spielt eine große Rolle. Kinder mit Hemiparese lernen oft langsamer. Das muss aber nicht heißen, dass sie nicht mit der Zeit tolle Fortschritte machen können. Im Gegenteil!
Ebenfalls ein Kriterium: Ist der Wunsch-Sport eher auf Einzelpersonen ausgerichtet (z.B. Klettern, Schwimmen, Fahrradfahren) oder auf Gruppen/Mannschaften (z.B. Fußball, Tennis, Kampfsport)?
Beides kann Nach- und Vorteile haben. Hier die Gruppe, mit der man eventuell ab einem bestimmten Punkt nicht mehr mithalten kann, dort die Langeweile, weil man eben eher alleine Sport macht.
Oder die Vorteile: Hier die Gruppe, die motiviert und mit der das Zusammensein unabhängig vom Sport Spaß macht und da der Fokus auf sich selbst und die eigenen Fortschritte. Hier macht es Sinn, zu überlegen: Wie tickt Dein Kind und was passt zu ihm bzw. ihr?
Einen Punkt, den ich bisher außen vorgelassen habe:
Selbstverständlich spielen auch das Geld und die damit verbundenen Möglichkeiten eine Rolle. Nicht alle Eltern können sich teure SkilehrerInnen oder Skiausrüstungen leisten, regelmäßig in den kostenspieligen Trampolinpark gehen oder das Fahrrad umbauen lassen. Das muss man ja auch nicht!
Wobei, by the way: Manchmal wird ein Fahrrad von der Krankenkasse oder auch vom Eingliederungshilfeträger bezahlt oder bezuschusst.
Man muss schauen, was (finanziell) geht und was vielleicht auch nicht.
Mir war es im Hinblick auf diese Mittwochs-Motivation einfach wichtig, Dir möglichst viele Sportarten zu nennen, die man mit Hemiparese ausprobieren könnte.
Last but not least ein Impuls, der mit Hemiparese entscheidend ist:
Sport ist in der Regel Anspannung für die Muskeln und den Körper. Klar, darum geht`s bei Bewegung.
Was jedoch auch unfassbar wichtig ist, gerade wenn der Muskelturnus Deines Kindes hoch ist: Die Entspannung und das Loslassen der Muskeln! Sonst kann es passieren, dass der Sport mehr schadet als er nützt, weil er die Anspannung im Körper zusätzlich verstärkt.
Daher achtet ggf. darauf, nach der Bewegung Pausen zu machen und vielleicht sogar Entspannungsübungen in den Alltag einzubauen. Übungen, bei denen die betroffene Hand, der Fuß bewusst lockerlassen können. Eventuell fragt Ihr hier einmal bei Eurem Therapeut/Eurer Therapeutin nach Möglichkeiten.
Für Eure weiteren Überlegungen ganz viel Erfolg! Schreibe gerne in die Kommentare, was Ihr ausprobieren wollt oder, welchen Sport Dein Kind vielleicht bereits macht. Ich freue mich drauf!

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