Der Tanzkurs und was ich dabei über mich selbst lerne

„Denkt an Eure gerade Haltung, seid locker in den Knien, achtet auf dem Rhythmus: Kurz, kurz, lang, kurz, kurz, lang.“, rief die Tanzlehrerin aus vollem Halse.

Parallel bildete sich ein Schweißtropfen auf meiner Stirn. Es ging alles so schnell; Gerade gelang mir der Grundschritt vom Rumba, jetzt sollten die ersten Drehungen auch schon klappen. Zum Glück ging es nicht nur mir so. Auch mein Freund (inzwischen Verlobter, aber das klingt noch so komisch ;)) sowie viele andere Paare im Tanzkurs sahen ein wenig verwirrt und gestresst aus.

Mein Verlobter und ich wollten schon lange mal einen Tanzkurs besuchen, jetzt haben wir uns endlich angemeldet.

 

Im Vorfeld des Tanzkurses hatte ich für mich entschieden: Ich will der Tanzlehrerin erst mal nichts von meiner Hemiparese erzählen!

Wenn es um sportliche Aktivitäten in der Gruppe ging, habe ich früher dem Gruppenleiter immer über meine körperliche Situation informiert; Einfach damit er Bescheid wusste, wenn meine Bewegungen mal etwas anders aussahen als die der anderen. Dieses Mal wollte ich abwarten und mal schauen, was passiert. Mein Gleichgewichtssinn hatte sich inzwischen deutlich verbessert und meine Arme und Beine hatte ich ebenfalls besser unter Kontrolle als noch vor ein paar Jahren.

 

Zurück zur Tanzstunde!

Es war die dritte von insgesamt sechs. In der letzten Stunde haben wir den Grundschritt vom Rumba gelernt; ganz schön anspruchsvoll durch die dauerhafte Gewichtsverlagerung von einem Bein aufs andere und wieder zurück. Aber wir bekamen ihn irgendwie hin; noch nicht genau im Rhythmus, aber das würde noch werden. Dann kamen die Drehungen…

 

Die Herausforderung: Die Lockerheit im rechten Arm!

Du musst wissen: Beim Rumba ist (zumindest bei den Damen) der rechte Arm ziemlich viel in der Luft. Vor jeder Drehung heben mein Verlobter und ich die Arme (meist er den linken, ich den rechten), damit einer von uns darunter her tauchen kann; im Rhythmus und mit der richtigen Schrittfolge versteht sich.

Das fiel mir absolut nicht leicht! Und das bemerkte irgendwann auch der Tanzlehrerin auf. Sie kam immer wieder auf uns zu und rief laut: „Lockerer in den Armen. Das sieht ganz steif aus. Ihr verrenkt Euch ja die Arme.“

 

Ohne es zu wollen, wurde ich im Laufe der Stunde traurig.

Mit jedem Wort, das die Tanzlehrerin sagte, bekam ich das Gefühl, genauso steif und unbeweglich zu sein wie früher. Ich wusste zwar rational: Das stimmt absolut nicht. Aber meine Gefühle gingen mit mir durch.

Als die Tanzlehrerin ein weiteres Mal auf uns zukam, um uns daran zu erinnern, lockerer in den Armen zu sein, sagte ich schließlich: „Das geht bei mir noch nicht so gut.“ Und da mein Verlobter irgendwie spürte, dass ich nichts mehr dazu sagen konnte, erklärte er ihr kurz meine Situation. Und dann war auch gut. Die Tanzlehrerin ließ uns in Ruhe üben.

 

Trotzdem ging es mir nach der Tanzstunde alles andere als gut!

Ich fühlte mich wieder an früher erinnert, wo ich viele Dinge einfach nicht konnte und mir immer wieder eingeschränkt und behindert vorkam.

Mein Verlobter redete mir gut zu. Er habe selbst auch ohne Hemiparese Schwierigkeiten, alle Tänze auf die Reihe zu bekommen. Und da hatte er Recht! Beim Tanzen musste er führen, die nächsten Figuren planen und nebenbei ebenfalls die vielen einzelnen Schritte im Kopf behalten. Oft sah er ähnlich verwirrt und fragend aus wie ich. Auch die anderen Paare kämpften mit den Schritten, machten Fehler und wurden darauf aufmerksam gemacht. Insofern: Eigentlich halb so wild! Doch das negative Gefühl blieb…

 

… Bis mich mein Coach wieder daran erinnerte, was ich meinen Klienten Woche für Woche sage:

Es kommt auf Deinen Fokus an! Und mein Fokus ging eindeutig in die falsche Richtung!

Im Verlauf der Tanzstunden legte ich von Tanz zu Tanz immer mehr den Fokus darauf, was gerade noch nicht ging; locker in den Armen sein, die Knie beugen, an jeden Schritt denken. Und das machte mir die schlechten Gefühle! Wenn ich mal eine Drehung hinbekam, bemerkte ich das kaum. Gedanklich war ich gleich bei der nächsten Drehung, die vermutlich wieder nicht klappen würde.

Eigentlich weiß ich schon lange, dass diese Vorgehensweise absolut hinderlich ist, um Neues zu lernen; viel hinderlicher als meine Hemiparese. Weil die Konsequenz aus meinem Negativ-Fokus ist: Ich verliere die Lust am Tanzen, ich bin demotiviert und ich fühle mich unfähig. Da wieder herauszukommen, ist oft schwerer als die Beweglichkeit meines Arms zu verbessern. Mit diesen Gedanken kommt man nämlich erst gar nicht darauf, nach Lösungen und Möglichkeiten zu suchen. Man bleibt einfach passiv; Verbesserung Fehlanzeige.

Aber manchmal hat man einfach ein Brett vorm Kopf! Und das ist auch absolut okay so, solange man das Brett auch wieder herunternimmt.

 

Und genau das machte ich!

Mein Verlobter und ich gehen nach wie vor in die Tanzschule. Und parallel arbeiten wir in unserem eigenen Tempo zu Hause weiter. Ich bemerkte wieder mehr, was ich alles schon konnte; die Gewichtsverlagerung von einem Bein aufs andere zum Beispiel, ich ließ mich leichter führen (anfangs auch ziemlich herausfordernd für mich) und ich wurde lockerer in den Knien. An der Lockerheit im Arm arbeiteten wir.

 

Und noch was: Ich erzählte der Tanzlehrerin von meiner Hemiparese!

Mein Coach hat mich an eine Frage erinnert, die ich mir immer wieder stellen sollte, wenn es mir nicht gut ging:

Bringt mich das, was ich da gerade tue, weiter oder behindert es mich?

Der Tanzlehrerin nichts von meiner Hemiparese zu erzählen, behinderte mich im Laufe der Stunden. Die Tanzlehrerin wusste nicht, was Sache ist und ging davon aus, ich bräuchte von ihr nur ein paar Erinnerungen, um das umzusetzen, was sie sagte; in dem Fall lockerer im Arm zu sein. Ich fühlte mich von ihr angegriffen, weil sie nicht erahnte, dass ich mit Lockerheit so mein Thema hatte. Für alle Beteiligten absolut kein hilfreiches Vorgehen!

Deshalb beschloss ich, der Lehrerin von meiner Hemiparese zu erzählen. Früher hätte das so ausgesehen:

Ich hätte gesagt: „Tut mir leid. Ich kann das wegen meiner Hemiparese nicht.“

Heute gehe ich anders vor: Ich sage:

„Ich kann derzeit meine rechte Seite noch nicht so gut und gezielt bewegen. Ich bin gerade dabei, mehr Lockerheit in meinen Arm zu bekommen. Dafür brauche ich einfach ein bisschen Zeit.“

 

Zwei Dinge sind hier anders:

„Ich kann das nicht.“, legt sofort den Fokus auf die Begrenzung; das, was nicht geht.

Und der zweite Teil: „… wegen meiner Hemiparese.“: Auch hierbei liegt der Fokus sofort auf der vermeintlichen Einschränkung, der Behinderung.

Anders bei dem anderen Satz: Dort steht das Ziel im Vordergrund, die Beweglichkeit und nicht die Einschränkung.

 

Warum ist das wichtig?

Ganz einfach: Es macht mir bessere Gefühle! Wenn ich an mein Ziel denke, bin ich gedanklich im Lösungsmodus. Das heißt, ich konzentriere mich auf das, was möglich ist und wo ich hinwill. Denke ich an Einschränkung, bin ich gedanklich bei dem, was nicht geht.

Und das geht nicht nur mir so! Durch meine Formulierung lenke ich auch den Blickwinkel der Tanzlehrerin. Und wenn ich dabei das Ziel in den Vordergrund stelle, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie das in ihrer Antwort auch tut.

 

Und so war es dann auch!

Ich sprach mit der Tanzlehrerin und ab diesem Zeitpunkt war es um ein Vielfaches einfacher für mich. Sie achtete mehr darauf, was ich schon konnte und unterstützte das mit Lob und einem Lächeln. Auch ihre Erinnerungen wurden deutlich freundlicher.

Ich fühlte mich viel wohler, genau wie mein Verlobter. Wir gingen die Schritte in unserem eigenen Tempo durch und übten weiter zu Hause.

 

Meine Impulse für Dich:

Ich weiß nicht, ob Du ähnliche Situationen auch schon erlebt hast. Ich bin mir aber ziemlich sicher: Das Gefühl, etwas nicht zu können und eingeschränkt zu sein (in welcher Form auch immer) kennst Du. Und das fühlt sich richtig blöd an.

Mein Impuls an dieser Stelle: Wenn Du dieses Gefühl in Dir spürst, frage Dich:

Worauf liegt gerade Dein Fokus? Und bringt der Dich weiter oder behindert er Dich?

Und wenn Du feststellst, dass Dich dieser Fokus nicht weiterbringt, erinnere Dich für ein paar Minuten daran, was Du in Deinem Leben schon alles geschafft hast. Wenn Du eins hast, schnapp Dir Dein Erfolgstagebuch und blättere es durch. Und dann frage Dich:

Was kann ich tun, um das, was ich gerade noch nicht schaffe, zu lernen?

Diese Frage lenkt Deine Gedanken weg von dieser Negativ-Spirale hin zu möglichen Lösungen und Möglichkeiten. Du wirst ganz automatisch wieder optimistischer und bekommst bessere Laune. Und warum das funktioniert, ist ganz einfach:

Unser Gehirn ist nicht dazu in der Lage, zwei Dinge gleichzeitig zu denken. Entweder, es denkt an Begrenzung oder an Lösungen. Beides geht nicht. Insofern: Du kannst Dich bewusst dafür entscheiden, in die Richtung zu denken, die Dich vorwärts bringt. Oft ist das nicht leicht, das weiß ich nur zu gut! Aber es macht auf jeden Fall viel glücklicher und bringt Dich deutlich schneller vorwärts.

Ich wüsche Dir viel Erfolg dabei und freue mich auf Deinen Kommentar zum Thema!

Vielleicht warst Du selbst schon in der Tanzschule. Wie war das für Dich?

 

 

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  1. Lidia

    Hallo Janina,
    Ich bin Lidia und habe auch ein Tanzkurs gemacht 🙂 ich weiß wie es ist mit dem Arm, trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, offen damit umzugehen, bei mir hat der Tanzleher gut reagiert.
    🙂

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