Wie behindert bist du eigentlich?!

Die unsichtbaren Folgen eines Schlaganfalls

Eine Sache, die mir erst so richtig bewusst geworden ist, als ich angefangen habe, viel mit Kindern und Erwachsenen mit Schlaganfall zu arbeiten: 

 

Ein Schlaganfall kann nicht nur sichtbare, sondern auch nichtsichtbare Folgen haben!

Klar, die Hemiparese ist meist sichtbar, eine Aphasie (Sprachstörung) fällt ebenfalls schnell auf.Daneben können aber auch Konzentrationsschwierigkeiten, Überforderung durch eine laute, volle Umgebung, Schlafprobleme oder Störungen der Sensibilität auftreten. Diese sind auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Möglicherweise fallen sie einem selbst als betroffene Person auch nicht sofort auf. 

 

Ich habe z.B. lange nicht gewusst,…

… dass meine gelegentliche Überforderung, wenn ich mit vielen Menschen in einem Raum bin, durch meinen vorgeburtlichen Schlaganfall kommen kann.

Ich wusste immer, ich fühle mich besonders wohl, wenn ich mit max. 3 anderen Menschen zusammen bin. Wenn mehr da sind, verliere ich schon mal den Überblick und ziehe mich mehr oder weniger unbewusst zurück, werde stiller. Manchmal bin ich danach auch ganz schön k.o. 

Früher habe ich immer gedacht: Das liegt ausschließlich daran, dass ich eher introvertiert bin und lieber nur in kleinen Gruppen oder auch gerne mal alleine bin. Ich dachte nicht daran, dass das vielleicht auch Auswirkungen meines Schlaganfalls sein könnten.

 

Dann lernte ich viele Menschen kennen, die auch einen Schlaganfall hatten und heute mit Hemiparese leben.

Und dabei ist mir aufgefallen: Vielen geht es ähnlich wie mir. Es fällt ihnen dann und wann schwer, sich in großen Gruppen zurechtzufinden und wohl zu fühlen. Manche haben in solchen Momenten auch Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und schalten schnell ab. 
Das finde ich total spannend!

Bemerkst Du ähnliches bei Dir? Schreibe es mir gerne, indem Du auf diese E-Mail antwortest. Ich freue mich darauf!

 

Das Bewusstsein ist hilfreich!

Denn, wenn man weiß: Viele Menschen oder eine laute Umgebung überfordern mich, kann man überlegen:
Was brauche ich in solchen Momenten? (vorher, währenddessen, vielleicht auch danach)

Möglicherweise helfen…

  • ein Rückzugsort zum Ruhetanken zwischendurch,
  • für einen Moment rausgehen und alleine oder zu zweit um den Block laufen,
  • geräuschdämpfende Kopfhörer oder… oder…

 

Die Kommunikation ist entscheidend!

Viele Menschen mit Schlaganfall berichten mir, dass ihre Hemiparese von Außenstehenden meist schnell berücksichtigt wird. Sie bekommen z.B. sofort Unterstützung, wenn sie etwas körperlich nicht schaffen. Oder bei gemeinsamen Aktivitäten wird darauf geachtet, dass sie diese in jedem Fall mitmachen können. 

Unsichtbare Folgen wie Konzentrationsschwäche oder Überforderung werden jedoch manchmal zu wenig berücksichtigt. Sie sind eben nicht sichtbar und deshalb für Außenstehende weniger greifbar, wenn sie überhaupt davon wissen. 

Meine Eltern dachten beispielsweise ganz lang, dass ich nur eine Hemiparese habe. Das war auch die Aussage meiner ÄrztInnen.
Von dem Thema Reizüberflutung in großen Gruppen (etwa Familientreffen) wussten sie nichts. Mein Verhalten wirkte auf sie einfach schüchtern und zurückhaltend. 

 

Umso wichtiger ist, darüber zu sprechen,…

… wenn man für sich erkannt hat: Der Schlaganfall brachte auch nicht sichtbare Folgen mit sich.
Dass man z.B anderen davon erzählt, wenn man gerade Schwierigkeiten hat, sich zu fokussieren oder von der lauten Umgebung stark gefordert ist. Ggf. sogar, bevor es passiert, wenn es regelmäßig vorkommt.

Das macht es für Außenstehende häufig leichter, das Verhalten der betreffenden Person einzuschätzen und zu verstehen. Etwa, dass man wenig sagt, schneller gereizt ist oder sich zurückzieht.

Das heißt natürlich nicht, dass, wenn Du mal auf einer Party mit 100 Menschen bist, Du jedem einzelnen davon detailliert berichten solltest. Das musst Du nicht! Schließlich muss nicht jede(r) darüber Bescheid wissen. Und Du musst Dich auch nicht dafür rechtfertigen. Dein Kopf funktioniert so, wie er eben funktioniert!
Aber vielleicht erklärst Du es engen FreundInnen oder Verwandten, falls Du es nicht schon längst gemacht hat. Das kann für mehr Klarheit und Verständnis sorgen. Probiere es vielleicht mal aus!

 

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Ein Kommentar

  • Hallo Janina,
    ich habe deinen Beitrag heute mit meiner Tochter gelesen. Ihr geht es genauso. Lehrer und Mitschüler verstehen oft nicht, wieso sie z.B. gerne in der großen Pause für sich alleine bleibt. Mir hat sie gesagt, dass sie die Zeit zwischendurch braucht. Nachdem sie deinen Beitrag gelesen hat, sagte sie, dass sie das demnächst den Mitschülern erklärt, damit sie sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlen.
    Viele Grüße aus Köln
    Helen und Ingrid

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